Eben lief bei Bremen Vier, meinem Lieblings-Radiosender, eine Meldung, bei der ich nur noch den Kopf schütteln konnte. Eine Fitness-Influencerin ist beim Berlin-Marathon am 27. September ein Stück der Strecke auf dem Fahrrad gefahren. Hinterher hat sie ihre Zeit als persönliche Bestleistung gefeiert. Aufgeflogen ist sie dann durch ein Foto.
Ich bin den Berlin-Marathon selbst zweimal gelaufen, 2006 und 2011. Ich weiß bis heute ziemlich genau, wie sich die letzten Kilometer dort anfühlen. Deshalb hat mich die Geschichte “angefasst”, und ich habe Mal ein bisschen nachgelesen…

Was in Berlin passiert ist
Die Influencerin nennt sich Abeeeer, kommt aus China und hat über eine halbe Million Follower, die meisten davon auf der chinesischen Plattform Rednote. Nach dem Lauf hat sie stolz ihre Zeit gepostet: 4:53:46 Stunden → neue persönliche Bestzeit.
Dann tauchte ein Foto auf. Es zeigt sie in der Nähe von Kilometer 38, und zwar hinten auf dem Gepäckträger eines Fahrrads. Sogar gestrampelt hat also jemand anderes. Sie hat sich die letzten Kilometer einfach chauffieren lassen. 🙈
Veröffentlicht hat das Bild die “Official Marathon Time Integrity Unit”, kurz OMTIU. Hinter diesem Instagram-Kanal stecken zwei anonyme Läuferinnen oder Läufer aus Australien, die sich seit dem vergangenen Jahr verdächtige Zeiten von Influencern vornehmen (Canadian Running). Lange suchen mussten sie in diesem Fall nicht.
Die Zwischenzeiten verraten alles
Bei großen Marathons wie dem in Berlin wird alle fünf Kilometer eine Zwischenzeit genommen, und die kann dann jeder abrufen. Laut OMTIU legte Abeeeer ihren schnellsten Fünf-Kilometer-Abschnitt des ganzen Laufs ausgerechnet zwischen Kilometer 35 und 40 zurück; genau dort, wo das Fahrradfoto entstanden ist. 30:49 Minuten brauchte sie dafür, also gut sechs Minuten pro Kilometer.
Wer schon einmal einen Marathon gelaufen ist, muss an dieser Stelle schon grinsen. Zwischen Kilometer 35 und 40 wartet nämlich der Mann mit dem Hammer. Da tut alles weh, und man zählt jeden Kilometer einzeln herunter. Wer insgesamt fast fünf Stunden unterwegs ist, legt in diesem Abschnitt garantiert keinen (End-) Spurt hin.
Die Entschuldigung
Am 3. Oktober hat sie sich dann auf Rednote bei ihren Followern entschuldigt (CBC). Sie habe sich während des Rennens körperlich unwohl gefühlt, schreibt sie, das sei aber keine Ausrede. In der deutschen Übersetzung von 20 Minuten heißt es außerdem: Für die Fahrt gebe es keinerlei Rechtfertigung, sie habe das hinterher bewusst verschwiegen, und dies sei äußerst unehrlich gewesen. “Ich schäme mich zutiefst dafür.” Achso. Ihre Marathon-Posts hat sie inzwischen gelöscht.
Wenn es ihr wirklich schlecht ging, war es vernünftig, sich helfen zu lassen. Mein eigenes Projekt Marathon mit 60 musste ich dieses Jahr auch verschieben, weil mein Körper noch nicht so weit war. Peinlich wird es aber in dem Moment, in dem man hinterher eine Bestzeit postet und sich dafür feiern lässt.
Brooks zieht die Reißleine
Am 4. Oktober hat Brooks die Zusammenarbeit mit der Influencerin beendet. Mit sofortiger Wirkung und mit dem Zusatz, man werde nie wieder mit ihr arbeiten. Die Marke hatte sie für den Marathon ausgestattet und kannte ihre Trainingspläne.
Bemerkenswert finde ich, dass Brooks sich gleich mit entschuldigt hat. Man habe sich die Endzeit und ihre Social-Media-Beiträge angesehen, die Zwischenzeiten aber nicht gründlich genug geprüft (Canadian Running).
Ich bin in Berlin 2011 selbst mit dem Brooks Adrenaline GTS 11 gelaufen, den ich ganz normal gekauft und selbst bezahlt habe. Dazu trug ich das Shirt eines Sponsors, der mir die Teilnahme am New-York-Marathon bezahlt hat. Will sagen, ich kenne Kooperationen von beiden Seiten:
Im Kern leiht sich eine Marke die Glaubwürdigkeit eines Menschen, der seine Leser:innen mitnimmt und ihnen etwas vorlebt. Erfindet dieser Mensch seine Geschichte, ist das Geld der Marke weg und ein Stück ihres guten Namens gleich mit.
Und, ganz ehrlich: Dass Unternehmen jetzt Splitzeiten kontrollieren müssen, bevor sie einer Läuferin ihre Bestzeit glauben, sagt einiges über manche Ecken der Influencer-Welt aus.
Sie war nicht die Einzige
Beim Berlin-Marathon blieb es übrigens nicht bei einem Fall. Die belgische Sport-Influencerin Ginger Jesson-Macduff hat die Strecke laut ran.de bei Kilometer 22 am Rathaus Schöneberg verlassen und ist erst am Nollendorfplatz wieder eingestiegen, rund zehn Kilometer später! Ihre Laufuhr hat am Ende 31,22 Kilometer gemessen. Ein Foto mit Finisher-Medaille hat sie hinterher trotzdem gepostet. 🙄 Inzwischen räumt sie ein, dass sie sich so nicht hätte darstellen sollen. Ach was. Sie wurde disqualifiziert.
Ganz neu ist das alles nicht. Bereits 2007 wurde in Berlin Roberto Madrazo disqualifiziert, ein ehemaliger Präsidentschaftskandidat aus Mexiko. Laut seinem Zeitmesschip hatte er zwei Kontrollpunkte ausgelassen und die 15 Kilometer zwischen Kilometer 20 und 35 in 21 Minuten zurückgelegt (Al Jazeera). Das wäre selbst auf dem Fahrrad eine tolle Leistung gewesen. 🤣
Wie dumm kann man sein?
Damit bin ich bei der Frage, die mir seit der Meldung im Radio durch den Kopf geht: Wie blöd kann man denn eigentlich sein?
In Berlin liegt alle fünf Kilometer eine Zeitmessmatte. An der Strecke stehen Fotografen, und am Straßenrand hält gefühlt jeder Zuschauer ein Handy hoch. Dazu kommen inzwischen Leute wie die von OMTIU, die sich solche Ergebnisse in ihrer Freizeit sehr genau anschauen. Wer da auf einem Gepäckträger durchs Bild fährt und danach eine Bestzeit postet, verlässt sich darauf, dass niemand hinsieht? Bei über einer halben Million Followern ist das eine sehr “mutige” Annahme… 😉

Was mich dabei ärgert: Zehntausende sind an diesem Sonntag ehrlich durch Berlin gelaufen. Viele haben sich monatelang vorbereitet, viele haben bei Kilometer 38 gelitten und sind trotzdem weitergelaufen. Und hinterher erzählt ihnen jemand mit großer Reichweite, wie leicht so eine Bestzeit zu haben ist. Was für Stilblüten treiben manche Influencerinnen und Influencer eigentlich noch?
Und die Leidenschaft?
Über allem, was ich hier übers Laufen schreibe, steht bekanntlich immer mein Motto: „Es ist nicht die Zeit, die zählt, es ist deine Leidenschaft.“
Im letzten Beitrag habe ich zugegeben, dass bei einem offiziellen Wettkampf natürlich die Uhr im Kopf immer mitläuft. Dabei bleibe ich auch. Die Zeit am Ende sagt mir, ob sich die Monate davor gelohnt haben.
Eine Zeit vom Gepäckträger misst überhaupt nichts mehr. Die Freude über eine Bestzeit kommt doch gerade daher, dass man weiß, was dahinter steckt: die langen Läufe, bei denen niemand zuschaut, oder ein Wadenkrampf bei Kilometer 19. In meiner Statistik stehen alle meine Läufe seit meinem Start im Jahr 2006, auch die langsamen. Ich würde keinen einzigen davon gegen eine geschönte Zahl tauschen.
Vielleicht laufe ich ja irgendwann noch meinen elften Marathon. Wenn es so weit ist, laufe ich auf jeden Fall jeden einzelnen Meter davon selbst, notfalls mit Krampf in der Wade, und ich freue mich über jede Zeit, die am Ende auf der Uhr steht. 🏃♂️ Weil, wegen Leidenschaft und so… 😎