Gestern bin ich beim 21. swb-Marathon Bremen den Halbmarathon gelaufen. 02:03:46 standen am Ende auf der Uhr. Mein Ziel waren die zwei Stunden. Gefehlt haben knapp 4 Minuten, und ich weiß ziemlich genau, wo die geblieben sind. 😉
Mein Rückzieher
Im Juli letzten Jahres habe ich hier mein Projekt Marathon mit 60 ausgerufen. Ein öffentliches Commitment, kein Zurück mehr, großes Tamtam. Zehn Marathons bin ich gelaufen, der letzte war 2016 zu meinem 50. Geburtstag. Zehn Jahre später wollte ich diese Distanz noch einmal schaffen.
Damals habe ich selbst geschrieben, dass ich mir peinliche Rückzieher gefallen lassen muss, wenn das nicht klappt. Also bitte: hier ist der Rückzieher. 😅
Die langen Läufe im Training haben mir ziemlich deutlich gesagt, was Sache ist: Für einen Marathon reicht meine Kondition dieses Jahr nicht. Nicht annähernd. Ich hätte mich anmelden und die Sache irgendwie durchquälen können, aber davon hat niemand etwas, am wenigsten mein Körper.
Also habe ich mir ein anderes Ziel gesucht. Ich bin beim Halben gestartet, dieses Mal mit der Ansage an mich selbst: wieder unter zwei Stunden kommen. Das habe ich zuletzt vor zwölf Jahren geschafft.
Der Morgen auf dem Bremer Marktplatz

Gestartet bin ich, wie schon im vergangenen Jahr, mit meinem Arbeitgeber team neusta als Sponsor. Die Stimmung auf dem Markt vor dem Start ist jedes Jahr dieselbe Mischung aus Nervosität, Gewusel und Gesprächen. Ich mag das sehr.
Wie voll es war, sieht man ganz gut an einer Zahl auf meiner Urkunde. Wenn man Bruttozeit und Nettozeit vergleicht, wird deutlich, dass zwischen dem Startschuss und dem Moment, in dem ich tatsächlich über die Startlinie gelaufen bin, fast eine Viertelstunde vergangen ist.
18 Kilometer nach Plan
Für zwei Stunden musste ich 5:41 pro Kilometer laufen. Das ist für mich kein Spaziergang, aber es war machbar, und es lief auch erstaunlich gut.
Die Strecke führt von der Innenstadt die Parkallee hoch bis fast zur Uni, dann zurück durch den Bürgerpark, weiter durch Findorff über die Hemmstraße, rüber nach Walle und an den Hafen, und dann an der Weser entlang zurück in die Stadt. Eine schöne Strecke, flach, wie sich das für Bremen gehört.
Meine Zielzeit war fast durchgehend in Sichtweite. Ich habe bei jedem Kilometerschild geguckt, ein paar Sekunden verloren, ein paar wieder geholt, und dachte mir irgendwo bei Kilometer 15 auf der Weserpromenade: Das wird was!
Kilometer 19
Dann kam die Wade. 😵💫
Auf dem Osterdeich, auf dem Rückweg Richtung Marktplatz, hat sich meine rechte Wade zugezogen. Ein Krampf, mitten im Laufschritt, ohne Vorwarnung. Ich musste raus aus dem Rhythmus, gehen und dehnen, bis es wieder ging. Das ist mir noch nie passiert. Aber es gibt für alles ein erstes Mal.
Danach lief es tatsächlich weiter, aber der Faden war gerissen, und das angestrebte Ziel war weg.
Das Kuriose: Es war fast genau die Stelle, an der mich der Lauf schon letztes Jahr gequält hat. Nach dem Weserstadion, auf den letzten Kilometern, wenn eigentlich alles eingetütet ist. Dieser Streckenabschnitt und ich müssen noch ein paar Dinge klären. 😉
Was am Ende auf der Urkunde stand

Über die Ziellinie auf dem Marktplatz bin ich dann in 02:03:46 gekommen. Und ehrlich: Ich war froh. Die zwei Stunden sind nicht gefallen, aber das hier ist meine beste Zeit seit über zehn Jahren.
Zum Vergleich, ein Blick in meine Statistik:
- Mai 2024, Trainingslauf: 02:54:50
- April 2025, Trainingslauf: 02:46:57
- Oktober 2025, AOK-Halbmarathon Bremen: 02:10:16
- September 2026, swb-Halbmarathon Bremen: 02:03:46
Gegenüber dem letzten Bremer Halben sind das 6 Minuten und 30 Sekunden. Gegenüber dem Trainingslauf im Mai 2024 sind es 51 Minuten. Das macht mich dann doch ziemlich zufrieden mit der Richtung.

Und dann kam meine persönliche Überraschung des Tages, als ich mir die Platzierungen angesehen habe: 1730. der Männer, 2300. im Gesamtfeld. Und 45. in der Altersklasse M60.
45ster! Ich bin dieses Jahr in die neue Altersklasse gerutscht, und plötzlich sieht meine Platzierung ausgesprochen freundlich aus. Altwerden hat also auch Vorteile. 😄
Zum Vergleich: Letztes Jahr, in der Klasse M55, bin ich auf Platz 158 gelandet.

Wie es weitergeht
Der Krampf auf Kilometer 19 hat mich ehrlich gesagt nicht völlig überrascht. Kraftausdauer ist genau der Punkt, den ich mir nach dem letzten Halben schon selbst aufgeschrieben habe. Die Grundlage steht, das hat dieser Lauf gezeigt. Am Ende noch einmal nachlegen zu können, daran hapert es weiterhin.
Daran arbeite ich jetzt. Die zwei Stunden bleiben auf der Liste, die sind zum Greifen nah. Und für den Marathon suche ich mir einfach ein neues Datum. Vielleicht. 🤷♂️
Und was ist mit der Leidenschaft?
Jetzt habe ich hier ziemlich viel über Zeiten geschrieben. Dabei steht unter allem, was ich von Anfang an über das Laufen schreibe, etwas anderes: Es ist nicht die Zeit, die zählt – es ist deine Leidenschaft.
Naja. Beides stimmt, und ich glaube, ich kann inzwischen ganz gut erklären, warum.
Die Leidenschaft ist der Teil, der die Monate zwischen den Wettkämpfen trägt. Die Trainingsläufe, bei denen niemand zuguckt, keine Startnummer am Trikot hängt und niemand am Straßenrand klatscht. Ohne sie stünde ich an überhaupt keiner Startlinie.
An der Startlinie kommt aber noch etwas hinzu. Sobald die Startnummer dran ist und die Matte unter mir piept, läuft die Uhr mit. Das ist bei einem offiziellen Wettkampf einfach so, und ich kenne keinen Läufer, dem es anders geht. Man will wissen, was geht. Man will sich messen, und sei es nur mit sich selbst.
Die Zahl am Ende ist für mich vor allem ein Messergebnis. Sie sagt mir, ob die letzten Monate etwas gebracht haben. Gestern hat sie gesagt: ja, ziemlich viel.
Zehn Jahre lang sah es so aus, als wäre das mit den ambitionierten Zielen für mich vorbei. Gestern haben mir weniger als vier Minuten gefehlt, mit einem Krampf im Bein, aber einem ziemlich breiten Grinsen im Gesicht. Und das Grinsen ist der Teil, der in Erinnerung bleibt.