Manche Reisen bucht man, weil man weiß, dass sie passen. Diese hier haben wir gebucht, um genau das herauszufinden.
Kathi und ich sind vom 30. August bis zum 6. September mit der Mein Schiff 3 durch Norwegens Fjordwelten gefahren. Molde, Nordfjordeid, Bergen, Stavanger, dazwischen zwei Seetage.
Und ich sage es direkt am Anfang: Es war eine tolle Reise. Wir würden sie trotzdem nicht wiederholen.

Warum überhaupt ein Schiff
Ein Grund stand schon vor der Buchung fest: die Anreise. Ab und bis Bremerhaven, von unserer Wohnung in Bremen eine gute Dreiviertelstunde mit dem Auto. Kein Flug, kein Umsteigen, kein Tag, der für die Anreise draufgeht. Wir haben das Auto abgestellt und standen am Schiff. Der Hauptgrund aber: möglichst viel sehen in kurzer Zeit, ohne ständig den Koffer zu packen.
Meine größte Skepsis von Anfang an: die Menschenmenge. Fast 2.600 Gäste, dazu 960 Besatzungsmitglieder, die sich um sie kümmern. Das sind dreieinhalbtausend Menschen auf einem Raum, den man in zwanzig Minuten abgelaufen hat. Ich habe mich vorher gefragt, ob mir das etwas sagt. Wer mich kennt, weiß: Ich gehe am liebsten dann los, wenn ich losgehen will.
Also haben wir aufgehört, zu überlegen, und gebucht. Eine Testfahrt. Sieben Nächte, um eine Frage zu beantworten, die man vom Sofa aus nun einmal nicht beantworten kann.
Der erste Morgen auf See
Kathi stand schon ganz früh auf dem kleinen Balkon unserer Kabine und hielt das Handy in den Himmel. Kein Land, kein anderes Schiff, nur ein Streifen Rot zwischen Wasser und Wolken. Ein tolles Bild.

Das ist der Moment, für den man so eine Reise bucht. Und es ist einer der wenigen, für die man nirgends anstehen muss. Das ist mir damals nicht aufgefallen. Später schon.
Molde, auf zwei Rädern
Der erste Hafen, und für uns gleich die richtige Entscheidung: eine E-Bike-Tour. Kleine Gruppe, ein Guide, der alle paar Kilometer anhielt und auf etwas zeigte, das wir sonst übersehen hätten. Dazu ein trockener Tag, was in Norwegen im September keine Selbstverständlichkeit ist.

Es ist ein eigenes Gefühl, einen Ort mit dem Rad zu erschließen, an dem man am Abend nicht mehr sein wird. Man nimmt mehr mit, weil die Zeit knapp ist.

Nordfjordeid: über 50 Kilometer im Schietwetter
Am nächsten Tag noch einmal E-Bike, diesmal im strömenden Regen. Regenhose, Regenjacke, Helm, und im Fjord das Schiff, auf das wir am Abend klatschnass zurückkommen würden.

Über 50 Kilometer sind es geworden, und es hat trotz Schietwetter richtig Spaß gemacht. Das ist der Vorteil, wenn man ohnehin nass wird: Ab einem gewissen Punkt ist es egal, und man fährt einfach.
Viel fotografiert habe ich unterwegs nicht. Ich war zu sehr damit beschäftigt, die Straße im Blick zu behalten, nicht wegzurutschen und den Abstand zur Gruppe zu halten. Einmal kam das Handy trotzdem aus der Jacke, als wir uns bei besonders starkem Regen untergestellt haben.

Bergen von oben
Bergen war unser Tag. Wir sind mit der Fløibanen hoch, der Standseilbahn auf den Fløyen, oben losgelaufen und am Nachmittag mit derselben Bahn wieder hinunter. Wie die einzelnen Berge dort oben heißen, habe ich mir nicht gemerkt; es waren sieben.

Weiter oben hörte der Weg auf, ein Weg zu sein. Moor, Fels, ein Bach, der quer über den Hang lief, und über allem eine Sonne, die sich durch die Wolken drückte.

Das war ein Moment, in dem ich vergessen habe, dass wir auf einer Kreuzfahrt sind. Und es war der Moment, der mir am Ende die Antwort gegeben hat. Dazu gleich mehr.
Stavanger: 16 Kilometer auf eigene Faust
In Stavanger haben wir nichts gebucht. Wir hatten uns eine Route über komoot zusammengeklickt, knapp 16 Kilometer quer durch die Stadt und wieder heraus, und sind morgens einfach losgegangen.
Das Wetter war ausgezeichnet, und der Vormittag gehörte uns. Ohne Guide, ohne Gruppe, ohne Treffpunkt, an dem man um Viertel nach elf zu sein hat. Wenn ich ehrlich bin: Das war der Tag, der sich am meisten nach Urlaub angefühlt hat.
Am Nachmittag zog es sich zu. Als wir zurück an Bord waren, kam der Regen.

Und dann zeigt so ein Schiff, was es kann. Wir haben den Nachmittag im Spa verbracht, und nach 16 Kilometern auf den Beinen war das genau richtig. Später oben in der Lounge, Fensterfront über die ganze Breite, draußen zog die Küste vorbei.

Crosstrainer bei drei Meter Welle
Am zweiten Seetag ging die See. Über drei Meter hohe Wellen, deutlich genug, dass man beim Gehen die Hand an der Wand hat.

Auf die Anzeige des Trainingsgeräts habe ich in der ganzen Einheit kaum einmal geschaut. Für den Gleichgewichtssinn war es ohnehin das bessere Training, denn bei dem Seegang nicht vom Gerät zu purzeln war die eigentliche Übung.
Auf dem Laufband wurde es dann richtig sportlich. Ich musste mich durchgehend mit einer Hand festhalten, um oben zu bleiben. Ein ganz neues Laufgefühl. 😵💫
Und trotzdem: das Warten
Jetzt der Teil, um den es eigentlich geht.
Es war nichts schlecht. Der Service war spitze, wirklich erstklassig. Das Essen gut. Die Ziele sehenswert. Die 960 Leute Besatzung haben einen Job gemacht, vor dem ich den Hut ziehe. Wir haben genau das bekommen, was wir wollten.
Und trotzdem stand zwischen uns und fast jedem dieser Momente dasselbe: eine Schlange.
- Morgens der Kaffee: warten.
- Abends an der Bar: warten.
- Ein Sitzplatz im Restaurant: warten.
- Von Bord gehen: warten.
- Wieder an Bord kommen: warten.
Jedes Mal Menschen vor uns. Jedes Mal ein paar Minuten, die für sich genommen nichts sind. Über sieben Tage summieren sie sich zu einem Gefühl, das ich nicht mehr losgeworden bin: Man wartet fast immer darauf, etwas tun zu dürfen.
Für Kathi und mich ist das nichts. Gar nichts.
Ich will selbst entscheiden, wann es losgeht. Diese Woche hat mir gezeigt, wie viel mir das bedeutet.
Vielleicht klingt das kleinlich neben Fjorden und Sonnenaufgängen. Für mich ist es aber ein Punkt, an dem sich entscheidet, ob eine Reise zu einem passt. Der Vormittag in Stavanger war die Woche im Kleinen: eine selbst geklickte Route, kein Treffpunkt, kein Guide. Es war auch der einzige halbe Tag, an dem wir nirgends angestanden haben.
Eine Frage, eine Antwort
Wir sind mit einer Frage losgefahren und mit einer Antwort zurückgekommen.
Die Antwort lautet: Es war wunderbar – und wir machen es nicht wieder. 🤷♂️
Wenn du gern viel siehst, ohne ständig zu packen; wenn du dich in Trubel wohlfühlst; wenn du Service magst, der immer da ist, dann ist so eine Reise ein Geschenk. Du wirst sie lieben, und du solltest sie machen. Das ist ernst gemeint.
Für uns bleibt es bei dieser einen Woche. Beim nächsten Mal packen wir wieder selbst, gehen los, wann wir wollen, und stehen wieder auf einem Berg, auf dem außer uns (fast) niemand ist.
Die Skepsis ist geblieben. Jetzt weiß ich aber, warum. Und dafür hat sich die Fahrt gelohnt.
Sehr interessanter Beitrag, lieber Eddy!
Überhaupt auch deshalb, da meine Frau und ich Anfang Oktober zu unserer vierten Kreuzfahrt innerhalb von dreizehn Jahren aufbrechen. Und anhand deiner Geschichte merke ich, dass jeder seinen eigenen Zugang hat (was eh normal ist, sonst wäre das Leben schrecklich)!
Ich verstehe euch voll, ich selbst bin aber sehr gerne auf einem Schiff unterwegs, auch weil wir es mit zunehmendem Alter (ich war heuer 77!) sehr praktisch finde, das Hotel dabei zu haben!
Den Trubel, den viele fürchten, halte ich in Grenzen! Er ist beim Essen da (wobei ich dieses niemals im SB-Restaurant zu mir nehmen würde), aber das ist nicht nur am Schiff so. Und Ausflüge machen wir oft auf eigene Faust und/ oder solche, die vom Schiff organisiert werden!
Wie du an meinen Schilderungen merkst, übertreiben wir es mit Schiffsreisen nicht, aber jene die wir gemacht haben, haben wir genossen. Das wird wahrscheinlich auch bei der nächsten so sein!
https://www.der1949er.blog/search/label/Kreuzfahrt
Freue mich immer wieder von dir zu lesen und wünsche dir und Kathi alles Gute
Liebe Grüße – Reinhard
Danke für dein Feedback – und für deine eigenen Eindrücke von einer Kreuzfahrt, lieber Reinhard! Wie man an deinem Kommentar sieht, sind die Geschmäcker absolut verschieden. Und das ist auch gut so.
Wir teilen die Ansicht, dass es einfach großartig ist, dass bei einer Kreuzfahrt das Hotel mitreist und dass man in kürzester Zeit so viele verschiedene Sehenswürdigkeiten erleben kann. Das wird in deinem Blog mit den vielen tollen Fotos auch sehr deutlich.
Liebe Grüße,
Eddy
Ein toller Reisebericht. Mich würden die Menschenmassen auf engstem Raum völlig bekloppt machen. Und die Warterei, wie du schon schreibst. Ich hab an der Meyer Werft mal vor so einem Kahn gestanden und der erinnerte mich schwer an eine Legebatterie. Neee lass mal stecken…
Viele Menschen hatten mir vorher erzählt, man würde die vielen Menschen “nicht spüren”. Sie würden sich auf dem Schiff “verlaufen”. Ich hatte dazu immer eine skeptische Haltung. Jetzt WEISS ICH, dass es nicht so ist. → Legebatterie ist kein schlechter Vergleich…
Danke für dein Feedback, Martin!